Souveränität im Boardroom – Zwischen Schlagfertigkeit und Strategie: Wie du dir in der Führungsebene Gehör verschaffst
Von Dr. Marie-Theres Thiell und Dr. Martina Rudy
Es gibt diese Momente, die jede Führungskraft kennt: Ein pauschaler Vorwurf wie „Man spricht kritisch über Ihre Haltung“ wird plötzlich in den Raum geworfen – und schon steht man unter Rechtfertigungsdruck. Doch wie reagiert man, wenn Kritik unsachlich oder vage bleibt?
Dr. Martina Rudy und Dr. Marie-Theres Thiell wissen aus Erfahrung, dass Frauen in Führungspositionen nicht nur lernen müssen, mit solchen Situationen umzugehen, sondern auch, wie sie männlich dominierte Netzwerke durchbrechen und ihre eigene Machtquellen nutzenkönnen. Der Schlüssel liegt darin, Souveränität nicht als angeborene Eigenschaft, sondern als trainierbare Fähigkeit zu begreifen.
Kritik souverän meistern: Warum Gelassenheit stärker wirkt als schnelle Antworten
Kritik trifft oft emotional – besonders, wenn sie unkonkret oder unfair erscheint. Doch wer sofort reagiert, riskiert, sich in Rechtfertigungen zu verlieren oder ungewollt defensiv zu wirken. Stattdessen lohnt es sich, bewusst eine Pause einzulegen. In Meetings bedeutet das: tief durchatmen, anderen Raum geben und Zeit gewinnen. Schweigen wirkt oft souveräner als eine hastige Erwiderung. Bei schriftlicher Kritik hilft es, eine Nacht darüber zu schlafen. Die Antwort am nächsten Tag fällt meist sachlicher und präziser aus – und zeigt, dass man nicht impulsiv, sondern reflektiert handelt.
Gegen vage Vorwürfe: Wenn jemand mit Aussagen wie „Man hört, Ihr Team sei unzufrieden“ konfrontiert, sollte man konkret nachfragen: „Wer hat was wann genau gesagt?“ Fehlen klare Fakten, lässt sich die Kritik oft als „netter Versuch“ abhaken – und man kehrt selbstbewusst zur Tagesordnung zurück.
Das Meeting als Spielfeld: Wie du Raum einnimmst und gehört wirst
In männlich geprägten Runden ist die Sitzordnung kein Zufall. Wer früh kommt, sichert sich einen Platz in der Mitte der Längsseite – dort, wo die Aufmerksamkeit am höchsten ist. Wer sich ans Tischende drängt, wird leichter übersehen. Doch es geht nicht nur um den physischen Raum, sondern auch um die Art, wie man ihn füllt.
Ideen-Klau stoppen: Wenn ein Kollege deine Gedanken als seine eigenen präsentiert, hilft ein charmanter, aber bestimmter Konter: „Schön, dass Sie meinen Punkt von vor fünf Minuten aufgreifen.“ So wird klar, wer die Idee ursprünglich eingebracht hat – ohne dass es wie eine Vorwurf klingt.
Die „Kaffee-Falle“ vermeiden: Das Einschenken von Kaffee oder das automatische Protokollführen zementiert oft unbewusst alte Rollenbilder. Eine Ausnahme gibt es: Als CEO kann gemeinsames Kaffeekochen ein Zeichen von souveräner Nähe sein. Doch wer sich ständig in solche Aufgaben drängen lässt, riskiert, in eine Rolle gedrängt zu werden, die nicht ihrer Position entspricht.
Macht als Werkzeug: Warum sie unverzichtbar ist – und wie man sie nutzt
Macht ist kein Tabu, sondern ein Werkzeug, um zu gestalten. Wer gestalten will, braucht Einfluss – und der speist sich aus zwei zentralen Quellen:
Legitimation: Die formale Rolle im Organigramm gibt Autorität. Expertise: Tiefes Fachwissen macht unersetzbar. Marie-Theres Thiell war jahrelang die Go-to-Person für Gesellschaftsrecht – dieses Wissen öffnete ihr Türen zu den Entscheidungsträgern.
Netzwerken mit Weitsicht: Verbündete gewinnt man nicht durch Anpassung, sondern durch klare Win-Win-Strategien. Die Frage „Was bringt es mir – und was bringt es dem anderen?“ hilft, Allianzen zu schmieden, die beide Seiten voranbringen. Wer versteht, wie er die Ziele anderer unterstützen kann, findet leichter Unterstützung für die eigenen Vorhaben.
Authentisch führen: Warum „männliches“ Verhalten überbewertet wird
Erfolg setzt keine Maskulinität voraus. Gute Führungskräfte geben Orientierung, sind ehrlich und übernehmen Verantwortung – Eigenschaften, die nichts mit Geschlecht zu tun haben. Entscheidend ist, die eigene Leidenschaft zu leben und gleichzeitig zu lernen, Emotionen in hitzigen Momenten zu steuern. Ein kurzes Durchatmen oder bewusstes Schweigen kann hier mehr bewirken als eine sofortige Reaktion.
Werkzeuge für den Weg nach oben
Wer nach oben will, braucht nicht nur Fachwissen, sondern auch Strategie. Drei Werkzeuge helfen dabei:
- Expertise aufbauen: Werde die unangefochtene Fachfrau in einem Bereich – das schafft Respekt und Einfluss.
- Interdisziplinär denken: Fachübergreifende Projekte zeigen, dass du das „Große Ganze“ verstehst und komplexe Strukturen meisterst.
- Sichtbarkeit erhöhen: Nutze Town Hall Meetings, LinkedIn oder Konferenzen, um präsent zu sein. Wer nicht sichtbar ist, wird übersehen – und wer übersehen wird, hat kaum Chancen, gehört zu werden.
Unser Fazit: Souveränität ist keine Frage des Talents, sondern der Übung. Mit Mut zur Schlagfertigkeit, Vertrauen in die eigene Expertise und dem Bewusstsein, dass Macht kein Tabu, sondern ein Werkzeug ist, lässt sich jeder Boardroom erobern. Der Weg dorthin beginnt mit dem ersten Schritt: sich bewusst zu werden, dass man ihn gehen will.
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